
Heute legen wir um 11.00 Uhr in Sandnessjøen ab. Unser Ziel ist Lovund, wo wir die berühmten Papageientaucher besuchen möchten. Vor jedem Ablegen verspüre ich eine gewisse Nervosität. Was erwartet uns heute? Bleibt der Wind wie vorhergesagt? Wo werden wir heute Abend festmachen? All diese Fragen wirbeln mir durch den Kopf.
Der Wetterbericht meldet etwa 15 Knoten Wind – eigentlich perfekte Bedingungen für uns. Doch wie so oft ist der Wind stärker als angekündigt. Zeitweise messen wir über 40 Knoten, dazu bauen sich kurze Wellen von ein bis zwei Metern auf. Lovund können wir zwar bereits von Weitem sehen, doch an ein Anlaufen der Insel ist nicht zu denken.
Wir fallen wieder ab und folgen weiter östlich unserer Route. Auch Plan B scheitert. Also steuern wir Onøy an. Durch die Hafeneinfahrt können wir ein Motorboot erkennen, doch der verbleibende Platz am Steg erscheint uns zu knapp. Im Hafen selbst hätten wir kaum genügend Raum zum Drehen. Also wird aus Plan C nichts.
Plan D und ein erleichternder Sprung

Wir entscheiden uns, durch einen engen Kanal Richtung Torshavn weiterzufahren. Dort ist es zunächst deutlich ruhiger. Doch ausgerechnet vor der Hafeneinfahrt frischt der Wind wieder kräftig auf. Der Platz ist knapp. Martin steuert die Winggis in einem 180 Grad Törn in den Hafen und kann nur noch mit dem Bug an den Steg fahren. Mit einem erleichternden Sprung über den Bug schaffe ich es, die Leine an einer Klampe festzumachen.
Puh – Glück gehabt.
Ein lang ersehnter Meilenstein
Ich bin bereits etwas aufgeregt, denn heute steht ein besonderer Moment bevor: Wir werden den Polarkreis überqueren. Fotoapparat und Actionkamera liegen bereit. Diesen Augenblick möchte ich unbedingt festhalten.
Das Wetter zeigt sich typisch nordnorwegisch. Wir haben guten Segelwind, erleben aber gleichzeitig Schnee, Hagel und Regen. Dann taucht endlich das Polarkreis-Monument vor uns auf. Wenig später ist es soweit: Wir überqueren tatsächlich den Polarkreis bei
66°33.82'N 12°41.75'E
Jetzt sind wir dort angekommen, wo wir schon so lange hinwollten. Voller Freude stossen wir mit einem typisch Norwegischen Bier (alkoholfrei) an und geniessen diesen besonderen Meilenstein unserer Reise.


Leider folgt am Abend ein kleiner Dämpfer. Martin entdeckt Hinweise darauf, dass möglicherweise die Zylinderkopfdichtung unseres Motors defekt ist. Im besten Fall muss nur diese ersetzt werden. Am gleichen Abend bestellen wir eine neue Dichtung nach Finnsnes. Dort sollten wir bis zum Ankommen des Pakets sein. Ab sofort verwenden wir den Motor nur noch kurz für Manöver.
Treffen mit Polaris Helvetica

Endlich treffen wir Dani und Kathrin von Sailing Polaris – die beiden haben schon zwei Winter in Nordnorwegen verbracht und segelten letztes Jahr nach Spitzbergen. Sie sind jetzt wieder auf südlichem Kurs und so nutzen wir die Gelegenheit zu einem Treffen. Wir verbringen zwei schöne und interessante Tage am Steg in Krokholmen und erfahren viele nützliche Infos vom Hohen Norden. Die beiden sind seit kurzem auch die neuen Herausgeber von Norwegian Cruising Guide, einer der wichtigsten Revierführer für die norwegische Küste und unterstützt Fahrtensegler mit detaillierten Hafen- und Navigationsinformationen.


Warten auf das richtige Wetter
Wir bleiben drei Tage in Lødingen und warten auf günstigen Wind für die nächsten 30 Seemeilen nach Harstad. Die Zeit nutzen wir zum Wandern, Wäschewaschen und für die Vorbereitungen der kommenden Etappe. Bei frühlingshaften Temperaturen können wir die frisch gewaschene Wäsche sogar wieder einmal an Deck trocknen.
Am Steg helfen wir Bartel beim Anlegen – er rudert mit seinem Wikingerkanu vom Nordkapp bis nach Kristiansand im Süden. Gerne trinkt er bei uns an Bord einen Kaffee und ich durchlöchere ihn mit Fragen. Ich freue mich über diese Begegnung und mit einer Schweizer Schoggi in der Hand geht es für ihn auf die nächste Etappe.

Fallwinde im Tjeldsund
Die Sorge um die Zylinderkopfdichtung begleitet uns weiter. Den Motor möchten wir nur noch zum An- und Ablegen benutzen, bei der Gelegenheit lernen wir wieder mal wie man unter Segel ablegt und bei wenig Wind geduldig Kurs hält.
Für die Weiterfahrt müssen wir zunächst durch den Tjeldsund, wo die Strömung bis zu vier Knoten erreichen kann. Entsprechend planen wir unsere Abfahrtszeit sorgfältig und legen um 11.00 Uhr unter Segeln ab.
Der Wetterbericht verspricht zehn Knoten Wind. Deshalb setzen wir gleich zu Beginn das Grosssegel. Doch die berüchtigten Fallwinde lassen nicht lange auf sich warten. Unsere Winggis beschleunigt auf acht Knoten – deutlich schneller als gewünscht. Also wollen wir reffen. Gleichzeitig steigen die Böen auf bis zu 40 Knoten an.
Die Winggis legt sich stark auf die Seite, und wir spüren die gewaltigen Kräfte, die hier wirken. Mit vereinten Kräften reffen wir das Segel. Kaum ist das geschafft, lässt der Wind wieder nach.
Da wir schneller als geplant unterwegs waren, geraten wir etwas zu früh in den Sund und erhalten Gegenströmung. Zeitweise kommen wir nur noch mit zwei bis drei Knoten voran. Erst auf dem Weg nach Harstad nimmt der Wind wieder zu.
Der letzte freie Platz
Wir segeln bis zur Hafenmole von Harstad und lassen den Motor nur ganz kurz zum Anlegen laufen. Wir wollen nichts mehr riskieren. Darum entscheiden wir uns auch hier in Harstad die Zylinderkopfdichtung zu wechseln.
Wieder einmal haben wir Glück. Der deutsche Segler, den wir bereits auf dem AIS beobachtet hatten, schnappt uns den letzten freien Platz im Hafen weg. Als er uns jedoch mit unserem 23t Stahlschiff kommen sah, verlegte er kurzerhand an einen kleineren Fingersteg.
Am Abend plaudern wir noch mit unseren dänischen Stegnachbarn, die den Winter in Finnsnes verbracht haben. Und ungefähr alle dreissig Minuten erscheint wieder jemand vom benachbarten Motorboot, um sich unseren Flaschenöffner auszuleihen.
Nach einer chinesischen Pfanne falle ich müde ins Bett.
Päcklijagd in Finnsnes
Alle bestellten Ersatzteile sind in Finnsnes angekommen – allerdings an unterschiedlichen Orten.
Am nächsten Morgen nehme ich bereits um acht Uhr die Schnellfähre von Harstad nach Finnsnes. Währenddessen bereitet Martin den Motor für den Wechsel der Zylinderkopfdichtung vor.
Noch auf der Fähre rufe ich die Telefonnummer an, die wir erhalten haben. Der Mitarbeiter des Lieferdienstes versichert mir, dass ein Fahrer mit unserem Paket am Hafen auf mich warten wird. Ich bin erstaunt über diesen Service, denn vorsichtshalber habe ich sogar mein Fahrrad mitgenommen.
Tatsächlich steht ein weisser Lieferwagen am Hafen. Allerdings möchte mir der Fahrer zunächst einen Rucksack übergeben statt unseres Pakets. Er müsse nochmals ins Lager zurückfahren und dort nachsehen. Am besten solle ich einfach mitkommen.
Also lade ich mein Fahrrad ein und steige ein. Ob ich das in einem anderen Land auch gemacht hätte, weiss ich nicht. Aber ich wollte dieses Paket unbedingt haben.
Und tatsächlich: Das richtige Paket befindet sich im Lager. Danach fährt mich der freundliche Fahrer sogar noch zu zwei verschiedenen Rema-Filialen, wo die übrigen Pakete auf mich warten. Er wartet jeweils draussen und bringt mich anschliessend weiter.

Ich bin völlig sprachlos. Keine Umstände, keine Diskussionen, keine Zusatzkosten. In weniger als einer Stunde habe ich alle drei Pakete eingesammelt. Da die Fähre zurück nach Harstad erst am Nachmittag fährt, gehört der restliche Tag ganz mir.
Eine neue Zylinderkopfdichtung
Zurück in Harstad wartet Martin bereits auf die Ersatzteile. Nach einer schnellen Begrüsung schnap er sich das neue Werkzeug und 30min später ist der Zylinderkopf ab. Mit Umlenkrollen und einem Seilzug heben wir den Zylinderkopf aus dem Motorraum und platzieren ihn auf der Küchenablage. Dort prüfen wir ihn mit einem speziellen Spray sorgfältig auf mögliche Risse. Die Dichtung ist wohl eher an einem kurzzeitigen Wassermangel gestorben welcher bei der Fehlersuche eines anderen Problems aufgetreten war.
Mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl baut Martin die neue Zylinderkopfdichtung ein. Anschliessend montieren wir den Zylinderkopf wieder zurück in den Motor, stellen Ventile ein und prüfen alle Schrauben auf deren festen Sitz.
Die Winggis 42 glich während dem Umbau eher einem OP Saal als einem Schiff.
Am Abend kommt dann noch Lukas, unser Besuch aus der Schweiz, und wir unterbrechen die Arbeiten für heute.
Am nächsten Morgen bauen wir dann die restlichen Teile an den Motor, befüllen ihn mit Kühlwasser und er startet wie gewohnt mit seiner herrlichen 5 Zylinder Musik eines OM617.
Alessandra: Unser Motor läuft wieder! Es kann weiter gehen!
ein paar zusätzliche Einblicke über diese Etappe

























































































































































